Ringen mit einem Paradox des nuklearen Status

Anfang Januar gab Indien eine neue Nuklearkommando- und Nuklearkontrollstruktur bekannt, ernannte einen Oberbefehlshaber für seine strategischen Streitkräfte und begann eine neue Testserie seiner Nuklearraketen.

Von Yin Xin

Fünf Jahre, nachdem Indien und Pakistan Atommächte geworden sind, findet Neu Delhi sich endlich damit ab, was dieser Status bedeutet – die Bedrohung eines ersten Schlags vonseiten Pakistans hat seine konventionelle Überlegenheit neutralisiert. Analysen zufolge hat die ergebnislose militärische Pattsituation zwischen den beiden Nachbarn das deutlich gemacht, was viele befürchteten, als die beiden 1998 „wie du mir, so ich dir“-Nukleartests durchführten – nämlich, dass Indien es nicht länger wagen würde, mit Pakistan einen Krieg zu führen.

Indien kopiert das Beispiel der USA und der ehemaligen Sowjetunion am Höhepunkt des Kalten Krieges, indem es seine atomare Abschreckung bis zum Punkt der gegenseitigen sicheren Zerstörung aufbaute, so dass keine der beiden Seiten es mehr wagt, eine nukleare Kriegsführung zu ergreifen.

Indien ließ seine 1,1 Mio. Mann starke Armee letztes Jahr zehn Monate lang entlang der indisch-pakistanischen Grenze aufmarschieren; eine Situation, die durch einen Anschlag auf sein Parlament am 13. Dezember 2001 ausgelöst worden war, wofür es die in Pakistan lebenden Kaschmir-Separatisten verantwortlich machte. Pakistan antwortete mit der Mobilisierung seiner eigenen 500 000 Mann starken Streitkräfte und die beiden Seiten standen im Juni kurz vor einem Krieg.

Unter großem internationalen Druck zog Indien schließlich seine Truppen zurück anstatt das Risiko einzugehen, dass aus einem konventionellen Konflikt ein nuklearer werden könnte.

Indien fährt fort, das islamische Pakistan zu beschuldigen, Kämpfer auszubilden und zu bewaffnen, um indische Ziele in einem „Vertretungskrieg“ anzugreifen, um die Kontrolle über Kaschmir zu gewinnen. Pakistan verneint diese Anschuldigungen und erklärte, dass es dem „Freiheitskampf“ Kaschmirs lediglich moralische Unterstützung gebe. Der pakistanische Präsident Pervez Musharraf schien letzten Dezember jedoch zu verstehen geben, dass es die nukleare Bedrohung sei, die einen vierten Krieg zwischen den beiden Seiten seit ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 verhüte. Musharraf sagte, die Bedrohung eines „nicht-konventionellen Krieges“ helfe, einen Konflikt zu vermeiden.

Während die Situation zwischen den beiden Seiten sich entspannt hat, seit der Truppenrückzug letzten Oktober verkündet wurde, dreht sich die Schlacht nun darum, die Waffen so zerstörerisch zu machen, dass niemand sie nutzen möchte. Darauf hinweisend, sagte der indische Verteidigungsminister George Fernandez vor kurzem, dass, falls Pakistan Nuklearwaffen gegenüber Indien einsetzen würde, „kein Pakistan mehr übrig sein werde, sobald wir geantwortet haben“.

Neu Delhi gründete im Januar eine Nuklearkommandobehörde, womit das bestehende Arrangement, das der zivilen politischen Führung unter Premierminister Atal Bihari Vajpayee die letzte Befugnis zur Autorisation des Einsatzes von Nuklearwaffen gibt, offiziell gemacht wurde. Die Regierung bewilligte zudem eine weitere Kommandokette, um „alle Eventualitäten“ abzudecken und erklärte, „eine nukleare Vergeltung für einen Erstangriff wird massiv sein und untragbaren Schaden zufügen“. Sie ernannte Luftwaffenmarschall T.M. Asthana, einen ehemaligen Kampfpiloten, zum Leitenden des neuen Kommandos der strategischen Streitkräfte.

Pakistan hat bereits seine eigene nukleare Kommando- und Kontrollbehörde, die sich aus militärischen, politischen und wissenschaftlichen Funktionären zusammensetzt, wobei Musharraf das letzte Sagen hat.

Beide Länder verbessern trotz internationaler Aufrufe für einen Stopp des südasiatischen Wettrüstens ihre Kapazität der Lieferung von Nuklearbomben durch weitere Raketentests.

Am 9. Januar testete Indien seine Nuklearrakete Agni I auf einer Reichweite von 800 km, eine Distanz, die etwa der Zielsetzung Pakistans entspricht. Die Agni I ergänzt die Raketen Agni II mit einer Reichweite von 2500 km. Sie hat eine Bombenkapazität von 1 Tonne und kann von Startern auf Schienen und auf der Straße abgefeuert werden, womit sie äußerst mobil ist.

Verteidigungsexperten schätzen, dass Indien mindestens 60 und möglicherweise mehr als 100 Sprengköpfe hat und Pakistan zwischen 25 und 50. Im Unterschied zu den USA und Russland werden die Raketen und Sprengköpfe getrennt aufbewahrt. Selbst auf dem Höhepunkt des militärischen Patts letzten Jahres bestückte Indien seine Raketen nicht mit Sprengköpfen, so Verteidigungsexperten. Es ist unbekannt, wie kurz Pakistan davor stand.