Wer wird das Sicherheitsvakuum füllen?

Von Rekrutierungs- und Desertionsproblemen heimgesucht und aus Mangel an Kooperation von den Warlords als auch an bindender internationaler Unterstützung bleibt die neue afghanische Landesarmee ein ferner Traum.

Von Xin Huashe

Das US-trainierte fünfte Bataillon der neuen Landesarmee Afghanistans feierte im Januar seinen Abschluss. Allerdings lag es mit 400 Absolventen, zwei Drittel der erwarteten Anzahl, bereits eindeutig unter der geplanten Stärke.

„Die Zeichen sehen nicht gut aus“, äußerte die Hilfsorganisation Care und warnte, dass das Zustandekommen einer nationalen Sicherheitsstreitmacht noch ein Jahrzehnt dauern und sich bis dahin ein gefährliches „Sicherheitsvakuum“ auftun könnte.

Der afghanische Präsident Hamid Karzai möchte 70 000 Männer, um bis 2009 eine neue Armee aufzubauen.  Bisher haben jedoch nur 1700 Männer in fünf Bataillons acht Monate, nachdem die USA, Frankreich und Großbritannien mit dem Training der Streitmacht begonnen haben, den 10wöchigen Trainingskurs beendet. „Wir haben stets die Kapazität gehabt, mehr Männer auszubilden“, sagte der Sprecher des US-Militärs Oberst Roger King. „Es liegt jedoch an der Fähigkeit des Landes, Auszubildende zur Verfügung zu stellen.“

Beamte sagten, dass von Anfang an große Probleme vorhanden gewesen seien. Regionale Befehlshaber und Warlords, die unwillig sind, ihre eigenen Machtbasen zu unterminieren, sträubten sich, gute Rekruten, oder wie in den meisten Fällen überhaupt Rekruten, für die Armee frei zu stellen.

Abgänge

Die Abrechquote war hoch, da die Bezahlung niedrig war – nur 30 US$ pro Monat während der Ausbildung und 50 US$ nach dem Abschluss für einen gewöhnlichen Soldaten, obwohl der Sold für ausgebildete Soldaten auf 70 US$ gestiegen ist. Viele äußerten, ihnen sei mehr Geld versprochen worden und andere fuhren nach dem Zahltag einfach nach Hause und kehrten nie wieder ins Trainingslager zurück, insbesondere solche, die weit von Kabul entfernt leben.

„An dem Tag nach der Auszahlung des Solds waren immer viele abwesend, da sie nach Hause gefahren waren, um ihren Familien Geld zu bringen“, sagte Major Patrick Leurs, Sprecher der französischen Militärausbilder. Französische Beamte sagten, viele Rekruten seien sehr jung, einige nur 16 Jahre alt, und die meisten könnten weder lesen noch schreiben. Einige sprechen nur Paschtu, während die Anweisungen mittels Dolmetscher auf Dari, der Landessprache, gegeben werden.

„Die meisten von ihnen kommen aus den Bergen und 95% sind Analphabeten“, sagte Hauptmann Georges Ferreira, als er das Waffentraining des sechsten Bataillons beaufsichtigte. „Einige haben früher schon mit Waffen hantiert, aber sie waren einfach Guerillakämpfer, keine Soldaten, daher haben sie in der Tat viel zu lernen.“

Ferreira und andere französische Offiziere bestätigen, dass die Stimmung unter den Rekruten, die das Training abschließen, sehr gut sei und interviewte Soldaten sagten, sie seien begierig darauf etwas zu lernen. Im Rahmen eines Parallelprojektes wird bis zu 250 000 Milizionären zur Entwaffnung und Demobilisierung Bargeld und eine Berufausbildung angeboten.

Eine ethnisch ausgeglichene Armee aufzubauen, ist eine große Herausforderung, insbesondere wenn einige ethnische Paschtunen argwöhnisch gegenüber der ihrer Meinung nach von Tadschiken dominierten Regierung in Kabul sind. Das französisch-trainierte sechste Bataillon begann zum Beispiel mit 56% Tadschiken und 37 Paschtunen, verglichen mit 25% bzw. 45% in der Bevölkerung. US-Beamte lehnten es ab, umfassende Zahlen zur Verfügung zu stellen, gaben jedoch ein Problem zu. „Wir versuchen die ethnische Zusammensetzung des Landes als ein Muster für den Aufbau der Armee zu nutzen, bisher ist es uns allerdings noch nicht gelungen, dies zu realisieren“, sagte King.

Regionale Schwergewichte

Die größte Frage lautet jedoch, ob regionale Schwergewichte wie General Abdul Rashid Dostum im Norden und Ishmael Khan im Westen sich darauf eingestellt haben, ihre Privatarmeen für die Bildung der neuen Streitmacht aufzulösen.

„Sie sagen ja, aber ich bin mir nicht sicher“, sagte ein Diplomat in Kabul. „Ich möchte Taten sehen anstatt Worten hören, bevor ich daran glaube. Letztendlich sehe ich das ohne gewisse Zwangsausübung vonseiten der US-Sondereinheit hier nichts geschehen wird.“

Der Sprecher des afghanischen Präsidenten Sayed Fazl Akbar sagte, die Regierung bräuchte mehr finanzielle Unterstützung, um den Menschen zu zeigen, dass die Welt draußen fest auf ihrer Seite stehe und so die Macht der regionalen Warlords zu unterminieren. „Wir müssten keine Gewalt anwenden, wenn wir genug finanzielle Unterstützung hätten. Dann werden die Menschen die Befehlshaber verlassen.“

O.g. Diplomat sagte, die Welt draußen würde nicht genug tun, um die Sicherheit n Afghanistan zu erhöhen und argumentierte, dass ausländische Soldaten beispielsweise helfen sollten Soldaten für die Armee zu rekrutieren und den Entwaffnungsprozess zu überwachen.

„Alle Diplomaten hier erkennen die Tatsache, dass ein Sicherheitsvakuum besteht, an, alle haben jedoch eine Vogel-Strauß-Haltung angenommen und denken, dass eine afghanische Landesarmee einfach so plötzlich zustande kommen werde“, sagte er. „Jeder erkennt, dass es eine Lücke von etwa vier Jahren gibt, das Problem ist jedoch, dass sie es ablehnen, öffentlich darüber zu sprechen, da die nächste Frage lautet „Was werden Sie in dieser Hinsicht tun?“.

Das US-Militär ist was die Erfolgschance der Landesarmee anbelangt zuversichtlicher. „Eine angemessene Anzahl von Soldaten zusammenzubekommen und eine Art Frist zu erfüllen, ist eine Herausforderung“, sagte King. „Es muss erkannt werden, dass es sich hier um ein massives Projekt handelt... und es wird Zeit brauchen.“