Das Gesicht des Krieges im Irak

Die psychologische Kriegsführung hat bereits ihren Lauf genommen, und es wird erwartet, dass heftige US-Luftschläge, Operationen von Sondereinsatztruppen und Bodentruppen folgen werden.

Von Liu Lin, Wissenschaftsassistent der Abteilung für Ausländisches Militärwesen der Akademie der Militärwissenschaft

Während sie den UN-Sicherheitsrat drängen, eine neue Resolution zur Unterstützung von Militäraktionen gegen den Irak zu verabschieden, verstärken die USA ihre militärische Stationierung im Persischen Golf, und der Krieg gegen den Irak scheint unabwendbar bevorzustehen. Welche Militärtaktiken werden die USA anwenden und wie wird das Ergebnis aussehen?

US-Einsatzzielen und der gegenwärtigen US-Stationierung zufolge sowie in Übereinstimmung mit vorhersehbaren Verteidigungstaktiken vonseiten des Irak würde ein Luft- und Bodenschlag an allen Fronten eine vernünftige Option für die USA sein. Luftangriffe, Bodenoperationen und Sondertruppeneinsätze würden zeitgleich gestartet werden, um zu versuchen, den Krieg zügig zu gewinnen und Saddam so schnell wie möglich zu stürzen. Auf der Grundlage einer derartigen Strategie könnten die US-Truppen die folgenden vier Szenarien verfolgen:

Heftige Luftangriffe. Luftschläge waren eine der Haupttaktiken der US-Truppen in jüngsten Regionalkriegen und werden im bevorstehenden Krieg eine wichtige Rolle spielen. Sobald der Krieg ausgebrochen sein wird, wird die US-Luftwaffe eine Reihe von heftigen Luftangriffen starten. Kampfflieger, die um den Irak herum stationiert sind, darunter Tarnkappenkämpfer F-117A, Kämpfer F-15 und F-16, Bomber B-1B und B-52 und Tarnkappenbomber B-2, die in Diego Garcia im Indischen Ozean stationiert sind, werden die ersten sein, die in den Irak eindringen und exakt ausgerichtete Bomben und Raketen in mindestens 10facher Menge wie während des Golfkrieges 1991 abwerfen. Unterdessen werden Flugzeugträger und andere Militärschiffe im Golf und im Mittelmeer Marschflugkörper abfeuern.

Der Luftangriff wird als erstes Iraks Luftverteidigungssystem, Militärstützpunkte und andere Militärziele zerstören und sich dann den sogenannten politischen Zielen wie Saddams Palästen, seinen Wachtruppen, der Geheimpolizei, Sicherheitsabteilungen und Landeswachtruppen zuwenden. Da das Hauptziel ist, Saddam zu stürzen, werden die USA versuchen, zu vermeiden, unnötige Ziele wie die zivile Infrastruktur anzugreifen. Da die US-Luftwaffe über eine absolute Überlegenheit in der Luft und eine große Exaktheit (90% der US-Einsatzflieger können exakt ausgerichtete Raketen abfeuern) verfügt, werden ihre Luftangriffe sehr wahrscheinlich Iraks Befehls-, Luftverteidigungs- und Kommunikationssysteme lahm legen und Iraks Verteidigungs- und Operationskapazitäten in großem Ausmaß reduzieren. Gleichzeitig werden die USA Luftüberlegenheit über den Irak erwerben und damit für ihre nächste Aktion günstige Bedingungen schaffen.

Sonderoperationen. Da die US-Sondereinsatztruppen im Krieg in Afghanistan eine bemerkenswerte Rolle spielten, werden die USA in einem Irak-Krieg beträchtliche Sonderoperationen ausführen. Es heißt, dass einige US-Sondereinsatztruppen bereits im Irak sind. Diese Streitkräfte würden in Einheiten unterteilt und an strategisch wichtigen Punkten im Irak wie Ölfelder, Dämme und Orte, wo Iraks Massenvernichtungswaffen angeblich versteckt sein sollen, stationiert werden, um Saddam davon abzuhalten, diese zu zerstören oder zu Bio- oder chemischen Waffen Zuflucht zu nehmen. Außer der Sicherung der Ölfelder würden Sondereinsatztruppen die folgenden Missionen ausführen:

-- Nach Zielen für Luftschläge suchen und diese identifizieren und Resultate der Luftangriffe überprüfen;

-- kleinere zerstörerische Angriffe ausführen;

-- direkt strategisch wichtige Örtlichkeiten, darunter Kommunikationseinrichtungen, Befehlszentren und versteckte Radarstationen angreifen;

-- mit Geheimdiensteinheiten zusammen psychologische Kriegsführung betreiben, um zu versuchen, Unruhen und Aufstände zu verursachen und den Verteidigungswillen der Iraker zu schwächen.

-- irakische Oppositionstruppen trainieren und Rebellen anleiten, koordinieren und ihnen Befehle erteilen, all dies in Zusammenarbeit mit US- und britischen Truppen; und

-- in Bagdad einzudringen, um Saddam gefangen zu nehmen und ihn zu töten, womit das Ziel dieses Krieges direkt realisiert würde.

Bodeneinsätze. Um die vollständige Kontrolle über den Irak zu gewinnen, sind Bodenoperationen notwendig.

Gegenwärtig sind über 30 000 Mann starke US-Bodentruppen im Golf stationiert, darunter die 3. Mechanisierte Infanterieabteilung, die 101. Air Assault und die 82. Airborne Divisions. Diese Truppen  werden wahrscheinlich gleichzeitig Bodenangriffe vom Norden, Süden und Westen des Irak, nämlich von der Türkei, Jordanien und Kuwait, starten und damit Bagdad einkreisen.

US-Truppen an der südlichen Front werden von Kuwait in den Irak eindringen und sich entlang dem Tigris und dem Euphrat vorwärts bewegen, um Bagdad anzugreifen. Gleichzeitig würden einige abgezweigt werden, um Iraks zweitgrößte Stadt Basra und Iraks einzigen Zugang zum Meer, die Al-Faw-Halbinsel, anzugreifen und damit die Sicherheit aller Ölbrunnen in der Region zu gewährleisten. An der nördlichen Front werden US-Truppen von der Türkei aus starten und die strategisch wichtigen Städte im Norden des Irak, Mosul und Kirkuk, erobern und von dort aus in Richtung Bagdad marschieren. Im Westen werden Helikopter US-Lufttruppen in den Westen des Irak transportieren, um einen Schlag gegen Bagdad auszuführen.

Psychologische Kriegsführung. Die US-Truppen haben mit der psychologischen Kriegsführung begonnen, um zu versuchen, das irakische Regime noch vor Kriegsausbruch zusammenbrechen zu lassen. Alle paar Tage werfen US-Flieger Flugblätter im Süden des Irak ab, auf denen die irakische Bevölkerung gewarnt wird, weder biologische Waffen zu nutzen noch den irakischen Soldaten zu helfen.

Darüber hinaus senden die US-Truppen jeden Tag von 6 Uhr morgens bis 23 Uhr abends mittels fünf Radiofrequenzen Anti-Saddam-Radioprogramme und Informationen über die wichtige Rolle, die die USA im Golf spielen. Außerdem nutzen die US-Truppen das Internet, um ihre psychologische Kriegsführung zu betreiben. Sie e-mailen hochrangigen irakischen Funktionären und informieren diese, dass sie nicht bestraft werden würden, wenn sie mit den US-Truppen kooperieren und sich weigern, Saddams Anordnungen zu folgen. Vor kurzem verurteilte Saddam seinen Verteidigungsminister zu Hausarrest, was die Differenzen, die jüngst unter hochrangigen Funktionären in der irakischen Regierung aufgetreten sind, deutlich machte, vielleicht ein Ergebnis der psychologischen Kriegsführung der USA.

Wie würden die US-Truppen den Krieg zu einem Ende bringen? Hier sind drei verschiedene Szenarien:

-- Die US-Truppen könnten den Krieg schnell mit einem umfassenden Sieg beenden. Falls die US-Militäroperationen reibungslos vonstatten gehen, könnte Saddam in ein paar Wochen gestürzt sein, und die US-Truppen würden den Irak kontrollieren. Unter derartigen Umständen würden die US-Opfer minimal sein.

-- Der Krieg dauert länger als ein paar Wochen, auch wenn die USA am Ende siegen werden. Die US-Truppen könnten auf Widerstand stoßen, daher könnte der Krieg zwei oder drei Monate dauern. Auch wenn die US-Truppen schließlich den Irak erobert haben würden, könnten die Opfer beträchtlich sein.

-- Der Krieg zieht sich dahin, und die US-Operationen sind nicht befriedigend und weit davon entfernt, ihre Ziele zu erreichen. Es würde viele Opfer geben, und die Anti-Kriegsstimmung daheim in den USA würde zunehmen. Die USA würden sich wieder in einer ähnlichen Situation wie im blutigen Vietnam-Krieg verwickelt sehen.

Das erste Szenario ist zweifelsohne das, worauf die USA ihre ganze Hoffnung setzen. Da die US-Waffenausstattung weit fortschrittlicher und ihre Einsatzkapazitäten weitaus stärker als die des Irak sind, würde ein schneller Sieg wohl das wahrscheinlichste Szenario sein. Falls Iraks Elite-Landesverteidigungstruppen es allerdings schaffen, auszuharren, könnte sich das zweite Szenario entfalten. Die Chancen eines langwierigen und blutigen Krieges, wie im dritten Szenario beschrieben, sind äußerst gering.